15.07.2014 0 Kommentare

Wurzeln als Ursprung: Elisabeth Lenhardt – eine starke Frau. Erzählungen aus ihrem Leben.

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Elisabeth Lenhardt erzählt aus ihrem Leben. Foto: Büringer

Sie ist als engagierte Frau weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Doch kaum einer kennt ihre Geschichte, die sie zu dem machte, was sie heute ist. Im momag-Gespräch erzählt Elisabeth Lenhardt von ihren Wurzeln, die sie in eine neue Heimat führten.

Du bist in bescheidenen Verhältnissen in Temesvár mit ungarischer Abstammung im heutigen Rumänien geboren. Wie war deine Kindheit?

Ich bin in einer Großfamilie mit vier Kindern aufgewachsen. Wir hatten nicht viel und obwohl meine Eltern sehr fleißig gearbeitet haben, war es  nicht leicht uns vier Kindern alles zu ermöglichen, deshalb haben wir öfters auf so manches verzichten müssen. Wir hatten anfangs kein Fließwasser und das Klo war im Garten, aber wir hatten genügend zu Essen und versorgten uns zum Teil mit dem was der Garten abwarf und von kleinen Nutztieren. Ich bin heute meinen Eltern sehr dankbar für all das, was sie mir ermöglicht haben, sie haben viel Wert auf Bildung gelegt und ich maturierte am Lyzeum und begann ein Studium in Mathematik und Physik.  Heute kann ich aufgrund meines eigenen Entwicklungsweges mit viel Freude bestätigen, dass Lernen Selbstbewusstsein schafft und den Horizont erweitert. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Ich hatte keine leichte Kindheit und bin sehr früh erwachsen worden. Da mein Vater ein lautstarker Regimekritiker in der Ära Ceaușescu war, war es bei uns zu Hause nicht immer einfach. Oftmalige verhöre der Geheimpolizei Securitate und Schikanen gehörten zur Tagesordnung. Auch wir Kinder mussten in verschiedenen Abschnitten – in gewissen Zeiten jeden Dienstag – bei der Securitate zum Verhör antreten mussten. Ich erinnere mich, ich dürfte damals  13 Jahre alt gewesen sein, als ich bei einem Verhör über meine Meinung über die Revolution in Polen gefragt wurde. Ich wusste damals nichts über Solidarność und Lech Walesa, aber sie wollten von uns Kindern auf diese Weise erfahren, ob sich mein Vater zuhause dazu geäußert hatte. Diese Zeit war für mich sehr prägend.

1989 wurdest du beim Plakatieren erwischt, verhaftet, eingeschüchtert und sogar geschlagen und bist im Alter von 23 Jahren aus der Haft in eine ungewisse Zukunft geflüchtet. Wie war das für dich?

Es fällt mir heute nach 25 Jahren immer noch sehr schwer, darüber zu sprechen. Nachträglich klingt das Ganze ein wenig abenteuerlich, aber ehrlich betrachtet war das keinesfalls ein Ausflug, weil wir, mein Cousin und ich, keine Ahnung hatten, wo die Reise hinging und ob wir es überhaupt über die Grenze schaffen würden. Wir sind in der Nacht in das Sperrgebiet an der Donau geschlichen um dort mit einfachen Styroporwesten und an Seilen zusammengebunden, die Donau zu durchschwimmen, die an der Stelle rund einen Kilometer breit ist. Wir hatten großes Glück nicht entdeckt zu werden, denn ansonsten wären wir im Wasser von den Grenzsoldaten erschossen worden. Dann kamen wir in Jugoslawien an und bei Tagesanbruch fuhren wir per Anhalter nach Belgrad weiter, wo wir uns mit dem Zug bis kurz vor Marburg durchschlagen konnten. Dann ging es weiter über die Berge nach Österreich, wo wir in St. Oswald in Kärnten ankamen, was wir damals natürlich nicht wussten.

Du hast zwar Ungarisch, Rumänisch und Englisch gesprochen, aber kein Wort Deutsch. Wie ging es dann weiter?

Wir konnten zwar damals beide nicht Deutsch, erkannten aber an einem deutschsprachigen Strommasten, dass wir in Österreich sein mussten. Per Anhalter ging es dann weiter nach Graz, wo wir Angst davor hatten zur Polizei zu gehen. Nachdem wir da schon rund eine Woche unterwegs waren, waren wir sehr glücklich, dass uns ein jugoslawischer LKW-Fahrer von einem Auffanglager berichtete, wo wir anfangs glaubten, es sei ein UNO-Lager.

Ihr seid dann also nach einer wahren Odyssee in Traiskirchen angekommen. Wie wurdet ihr dort aufgenommen?

Völlig erschöpft  und hungrig sind wir dort angekommen und haben voller Hoffnung auf Unterstützung gewartet. Wir bekamen eine Papiertüte mit einem Apfel und Brot und harrten der Dinge. Nachdem es aber Freitag war, ging vorerst einmal gar nichts. Und der erste Eindruck nach all den Strapazen war nicht gerade einladend, denn da saßen zahlreiche Menschen aus aller Welt am Boden herum und warteten auf Montag, wo dann bei der Aufnahme Fotos und Fingerabdrücke genommen wurden.

Du warst dann rund ein Monat in Quarantäne, bis deinem Asylantrag stattgegeben wurde. Was passierte dann?

Wir teilten uns ein großes Zimmer mit Stockbetten und jeder bekam eine Aluschüssel, Polster, Decke und eine Seife. Während man auf sein Asyl wartet, darf man eigentlich nichts machen, weder arbeiten noch Deutsch lernen. Ich hatte jedoch Glück und konnte mein Sprachentalent nutzen. So kam ich nach der Bundesländeraufteilung Gott sei Dank nach Mödling bei Wien in eine kleine Pension in der Hinterbrühl. Auch wenn es illegal war, war ich froh, dass uns österreichische Frauen zum Putzen abgeholt haben. Mit dem ersten Geld habe ich mir in Wien einen Deutschkurs finanziert. Um Zuggeld zu sparen ging ich damals immer zu Fuß von Hinterbrühl nach Mödling, wo ich dann in Wien zehn Wochen lang einen Anfängerkurs am Institut Intercultura in Deutsch absolvierte.

Und dann wurde endlich dein Asylantrag genehmigt. Nach freiberuflichem Engagement als Dolmetscherin für das Innenministerium war dein erster offizieller Job bei McDonald‘s in der SCS Vösendorf, der dein späteres Leben sehr beeinflusste. Warum?

Ich begann dort auf Vermittlung des AMS Mödling an der Kassa und war insgesamt drei Jahre dort. Dazwischen habe ich meinen Führerschein in Wien auf Deutsch gemacht und meinen späteren Mann Walter kennengelernt, der mich als Restaurantmanager später als Assistentin eingeschult hat. 1994 eröffneten wir dann gemeinsam in Greinsfurth bei Amstetten unseren ersten Franchise-Betrieb.

Aber bevor deine McDonald‘s-Karriere richtig los ging und auch dein privates Glück startete, warst du dazwischen in Amerika. Warum bist du nach kurzer Zeit wieder zurück nach Österreich gegangen?

Das war 1993, ich hätte eine Stelle in der Verwaltung der Columbia Universität antreten können. Doch als ich in New York ankam, war ich richtig erschrocken und es hat mir dort überhaupt nicht gefallen. Dort verspürte ich erstmals Heimweh nach Österreich, was schon irgendwie komisch war, denn in Rumänien habe ich mich nie wirklich zu Hause gefühlt. Und seither weiß ich auch, dass nicht nur Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, denn mit gutem Willen kann man auch in Österreich so einiges schaffen.

Als dein Deutsch dann besser war und du sowohl beruflich als auch privat quasi abgesichert warst, hast du dich dann noch als Ausländerin gefühlt?

Eine Beziehung, egal ob beruflich oder privat, kann nur durch Kommunikation funktionieren. Wenn du also nur einen geringen Wortschatz hast und noch dazu eine schlechte Ausdrucksweise, dann fühlt man sich beinahe minder bemittelt und kann kein Selbstvertrauen aufbauen. Erst als das alles ein wenig runder war und besser lief kam auch mehr Wertschätzung anderer. Die hohe Kunst des Lebens besteht eigentlich darin, den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Ich habe in meinem Leben viele Schwierigkeiten durchlebt,  aus denen ich sehr viel gelernt habe, aber diese innere Kraft die ich verspüre, hat mich immer wieder ermutigt in die Zukunft zu schauen. Ich bin aber meinem Schicksal dennoch sehr dankbar, denn es hat aus mir das gemacht, was ich heute bin. Österreich hat mir die Möglichkeit gegeben hier eine neue Existenz und eine neue Zukunft aufzubauen. Ich habe Österreich kennengelernt, mit seiner Geschichte, der Kultur, den Menschen, den Traditionen und betrachte es als meine Heimat und als mein Zuhause. Deshalb fühle ich mich auch schon längst nicht mehr als Ausländerin. Ich liebe Österreich und fühle mich als Europäerin. Und ob du es glaubst oder nicht, wenn sie im Flieger bei der Landung „I’m from Austria“ von Reinhard Fendrich spielen, kommen mir noch immer die Tränen.

Du stehst nicht nur zu deiner Vergangenheit, sondern du hast auch einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der sicher in deiner Kindheit wurzelt und bist darüber hinaus besonders sozial eingestellt. Wie kam es dazu?

Ich finde, dass ich vom Schicksal belohnt wurde. Ich kenne sowohl die Not und Armut, als auch die schönen Seiten des Lebens im Wohlstand. Dass es mir heute gut geht, ist jedoch kein Privileg. Ich fühle Verantwortung dafür und möchte etwas zurückgeben.

Ist das der Grund, dass du dich in Netzwerken wie „Frau in der Wirtschaft“ oder beim „Lions Club Mostviertel“ engagierst?

Wahrscheinlich ja, aber das hat auch noch andere Wurzeln. Ich habe schon als Kind nicht verstanden, dass mein Bruder scheinbar mehr wert war als ich. Nur weil ich eine Frau bin, heißt das noch lange nicht, dass ich deswegen dümmer bin. Keine(r) ist besser und die Unterschiede sind sowieso unbestritten, aber dieses Ping Pong-Spiel zwischen Mann und Frau mag ich nicht. Ich fühle mich auch nicht als Emanze oder Feministin, möchte aber endlich mit diesen Rollenklischees, die noch immer in den Köpfen mancher Menschen sind, aufräumen.

Und trotzdem bist du Bezirksvorsitzende von Frau in der Wirtschaft!

Ja aber nicht nur um zu netzwerken, sondern auch als Interessensvertretung und um gesellschaftspolitische Fragen zu diskutieren. Da naturgemäß Frauen noch immer die (Haupt)Verantwortung für die Kinder tragen, bleibt wenig Zeit um sich zu vernetzen. Ohne Kontakte klappt aber kein Geschäft! Daher bringe ich mich in dieser „Plattform zum Austausch“ auch gerne ein. Da geht es um weit mehr als ab und an zum Unternehmerinnenfrühstück einzuladen, denn die Probleme sind für Frauen in Ein-Personen-Unternehmen dieselben, wie für Mangerinnen großer Konzerne. Im Geschäftsleben stehen Frauen und Männer den gleichen Chancen und Herausforderungen gegenüber und Erfolg stellt sich nicht einfach von selbst ein, sondern muss immer erst erarbeitet werden. Daher werde ich mich auch weiterhin dafür einsetzen, dass die Leistung und nicht das Geschlecht im Vordergrund steht.

Dieser Quasi-Hausverstand und deine gute Menschenkenntnis führten wohl dazu, dass du nun auch Mediatorin bist, oder?

Ich musste ja in Rumänien mein Studium abbrechen und habe jahrelang davon geträumt dies nachzuholen. So kam es dann, dass ich 2010 an der Linzer Kepler-Uni mein Studium ablegte und mit dem „Professional Master of Mediation“ abschloss – übrigens mündlich und schriftlich auf Deutsch.  Dazu kommen mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und mein positives Menschenbild, ohne dem ich gar nicht mit meinen Klienten arbeiten könnte. Als Mediatorin entscheide ich nicht wer Recht oder Unrecht hat, es geht vielmehr darum den Menschen zu helfen. Und das macht mir neben meiner Familie und meiner Tätigkeit mit meinem Mann bei McDonald‘s unheimlich viel Freude. Noch dazu sehe ich meine Arbeit als Mediatorin und Konfliktmanagerin auch auf eine gewisse Art und Weise als gute Möglichkeit etwas Demut zu bewahren, was keinesfalls schadet.

Das klingt jetzt alles so geradlinig und einfach. Gibt es auch Situationen, die dich aus der Fassung bringen?

Für mich hat Freiheit, Gerechtigkeit, Respekt und Toleranz einen sehr hohen Stellenwert. Wenn jemand arrogant und respektlos, also einfach dumm ist, dann kann ich natürlich auch laut und aufbrausend werden.  Da ist mir eine gewisse Direktheit und Offenheit lieber, als all das Falsche hinten rum.

Interview: Didi Rath

Steckbrief: Elisabeth Lenhardt, verheiratet, 2 Kinder, geb. 1966, Sternzeichen Steinbock
Prokuristin u. Mitunternehmerin der Lenhardt GesmbH (McDonald‘s Amstetten, Greinsfurth, Bergland)
Unternehmensberaterin u. eingetragene Mediatorin

Info | www.weisehandeln.at

Rubrik:: Kultur

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