10.04.2016 0 Kommentare

Zeit des Aufbruchs und der Revolten: Vom Anspruch der 70-er Jahre.

Foto: Interfoto, Rauch

Foto: Interfoto, Rauch

Ereignisreich. Anti-Atom-Bewegung, Fristenlösung, Gratis-Schulbücher – Alles muss sich ändern!
Das war zumindest der Anspruch der 70er-Jahre. Sind die Versprechen von damals eingelöst worden, welche Themen beschäftigen uns heute noch? Dem geht die detailreiche Schau „Die 70er – Damals war Zukunft“ nach.

Die Zeiten, in denen Ausstellungsbesucher durch die Räume geschleust und mit Hunderten Objekten konfrontiert wurden, sind vorbei. Neupositionierung heißt das und bedeutet eine andere Herangehensweise als bisher. Besucher sollen nachdenken, diskutieren, öfter kommen – der Tageseintritt für elf Euro gilt als Saisonkarte! Fünf Debattenräume sind in die einzelnen Ausstellungskapitel eingebettet, so kann zum Beispiel in der originalen Sitzgarnitur eine Club 2-Diskussion nachgespielt werden. Man darf gespannt sein, ob das Publikum auf diese neue Form der Kulturvermittlung eingeht. So ist auch der letzte Ausstellungsraum dem Museum der Zukunft („Museum für alle“) gewidmet.
Jedenfalls sollen die Ausstellungen zusammen mit Burg, Garten, Restaurant und vielen Rahmenveranstaltungen die Schallaburg zu einem Gesamterlebnis werden lassen.

Sieben Kapitel und sieben Forderungen

„Alles muss sich ändern“ zeigt, wie gegen bestehende Verhältnisse aufbegehrt wird, gegen das AKW Zwentendorf oder die Diskriminierung von Schwulen und Lesben, die Feminismus-Bewegung kämpft um Frauenrechte, Häuser werden besetzt. Hier ist so manches bis heute unerledigt geblieben, genug Stoff für den Debattenraum.

Foto: Firstlook/Picturedesk

Die legendäre Club2-Couch, auf der einst Nina Hagen Nachhilfe in Masturbation gab, befindet sich ebenfalls in der Ausstellung Foto: Firstlook/Picturedesk

„Arbeit und Bildung für alle!“ – 40-Stunden-Woche, vier Wochen Urlaub, Gratis-Schulbücher, Schülerfreifahrt, freier Hochschulzugang – wichtige Errungenschaften der 70er-Jahre. Heute bereitet die hohe Arbeitslosigkeit wohl noch größere Sorgen und der Bildungsbereich (Stichwort Gesamtschule) ist eine einzige große Baustelle geblieben.
Nina Hagen provoziert im Club 2, Kottan ermittelt, Mundl, der echte Wiener, geht nicht unter – die Österreicher werden zur Fernsehnation. Gleichzeitig erwacht die Konsumgesellschaft, das tägliche Leben verändert sich grundlegend. Ein laufendes Band, ähnlich einem Kofferband auf Flughäfen, transportiert Alltagsgegenstände wie zum Beispiel Heizlüfter, Sonnenbrillen, Dreh&Trink-Flaschen oder gar ein Puch-Moped durch mehrere Räume. („Alltag und Medien“)

Foto: Fritz Haselsteiner

“Das laufende Band” Foto: Fritz Haselsteiner

„Kalte und heiße Kriege“ – Die KSZE-Schlussakte von Helsinki mit ihrer Garantie der Menschenrechte, die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 in der ČSSR, die Mao-Bibel als Leitfaden der antikapitalistischen Linken sind markante Signale dieser Jahre. Gegen die USA wird wegen des Vietnamkriegs und der Einflussnahme auf Lateinamerika, etwa in Chile, demonstriert, bei uns bilden sich Solidargruppen: Ärzte, Lehrer, Erntehelfer arbeiten zum Beispiel in Nicaragua. Österreich spielt dank Bruno Kreisky eine aktive Rolle in der Weltpolitik (Stichwort PLO), es kommt zur Errichtung der UNO-City in Wien. Der Eiserne Vorhang bildet weiterhin eine tote Grenze zur ČSSR.
Die – umstrittene – US-Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ löst in der Bevölkerung einen Schock aus und führt zu einer kontroversiellen Auseinandersetzung rund um die Nazivergangenheit. Obwohl es zur Einstellung der letzten NS-Prozesse kommt, beginnt ein Umdenken und Österreich wird nicht mehr nur in der Opfer-, sondern auch in der Täterrolle gesehen. Bis 2011 dauert es, bis die im Artikel 7 des Staatsvertrags festgeschriebenen Minderheitenrechte der Kärntner Slowenen umgesetzt werden. In den 70ern führen zweisprachige Ortstafeln zu deren Demontage und zu einem regelrechten Ortstafelsturm. („Umkämpfte Vergangenheit“)

Worte des Vorsitzenden Mao Foto: Fritz Haselsteiner

Worte des Vorsitzenden Mao
Foto: Fritz Haselsteiner

Alternativ leben – aber wie? Auf unterschiedlichste Weise wird nach Möglichkeiten eines neuen Zusammenlebens gesucht. Die „Stadt des Kindes“ und die umstrittene Kommune von Otto Mühl sind Beispiele dafür. Die Wohngemeinschaft ersetzt die Kleinfamilie, die Mieter sollen ihren Lebensraum individuell mitgestalten können. Im Sinne von Bauen für eine bessere Gesellschaft werden Architekturmodelle entworfen, vielfach unter ökologischen Gesichtspunkten, wie zum Beispiel jene von Friedensreich Hundertwasser. An einem Runden Tisch lässt sich darüber bestens diskutieren!

von fritz haselsteiner

ausstellung | bis 6.11.2016
„Die 70er – Damals war Zukunft“
3382 Schallaburg
Mo–Fr 9–17h, Sa/So/Feiert. 9–18h
02754 6317-0
www.schallaburg.at

Rubrik:: Kultur

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